Carl Attenhofer - Gründer und 1. Dirigent

Obwohl C. Attenhofer nur kurze Zeit in Muri weilte, hat er doch eine deutliche Spur im musikalischen Leben Muris hinterlassen. Deshalb lohnt es sich, seinen Lebenslauf zu vernehmen. Muri bildete für ihn den ersten "Lehrplätz". Hier fand er seine erste Musiklehrerstelle an der Bezirksschule Muri und hier machte er seine ersten und wichtigsten Erfahrungen in der Leitung von Vereinen. Und wahrlich, seine Tätigkeit hier in Muri war nicht nur für unser Dorf sondern auch für ihn fruchtbar. Er wurde bald ein über die Landesgrenzen hinaus bekannter und anerkannter Chordirigent.

Am 5. Mai 1837 wurde Carl Attenhofer in Wettingen, Aargau, geboren. Der Vater war aus Zurzach gebürtig, und seine Mutter, Rosa Käuffeler, stammte aus Wettingen. Die Eltern führten damals die Wirtschaft des Klosters Wettingen. Carl als ältester erhielt noch vier Brüder: Eduard, Adolf, Wilhelm und Albert. Von seiner Mutter hatte er ein leicht erregbares Temperament, eine Neigung zum Pessimismus, trotzdem Humor und wie auch von seinem Vater viel Sinn für die Musik und Freude an ihr geerbt. Als seine Eltern nach Baden zogen, um dort eine Federn- und Bettenhandlung zu betreiben, amtete er bald als erster Trompeter in der Badener Kadettenmusik.

Der damalige Musiklehrer am Seminar Wettingen, Dr. Daniel Elster, der von 1843-1846 als Gesanglehrer an der Bezirksschule Muri wirkte, wurde auf den zwölfjährigen Carl aufmerksam. Er nahm die musikalische Bildung Attenhofers an die Hand, und er übte auf ihn einen positiven, entscheidenden und nachhaltigen Einfluss aus. Dieser Mann gab dem jungen Attenhofer Klavier- und Violinunterricht. Carl setzte auch nach dem einjährigen Unterbruch, während dem er sich im Welschland aufgehalten hatte, den Unterricht bei Elster fort und vertrat diesen, der durch einen Unfall drei Finger verlor, ein Jahr lang am Seminar Wettingen. Daniel Elster war es auch, der durch raffinierte Diplomatie und dank seiner grossen Menschenkenntnis den Widerstand der Eltern brach und Carl zum freien Musikberuf verhalf. Der Vater hätte ihn lieber als guten Handwerker, die Mutter als Geistlichen gesehen.

1857 zog Carl mit seinen 20 Jahren ans Konservatorium nach Leipzig, wo er sich zuerst als Sänger ausbilden wollte. Er besass eine sehr schöne Bassstimme. Dort schloss er Freundschaft mit einem ändern Schweizer. Friedrich Hegar, mit dem er später in Zürich eng zusammenarbeitete.

Nach seiner Rückkehr bewarb er sich im Jahre 1859 um die Gesang- und Musiklehrerstelle in Muri. Nun war das Leben äusserlich sichergestellt. Er heiratete Luise Zimmermann aus Ebikon, die das Patent einer Lehrerin besass, was damals eine ausserordentliche Bildung bedeutete. Während den 5 Jahren seiner Wirksamkeit in Muri schenkte ihm seine Gattin 3 Mädchen, später noch 4 Mädchen, sodass er glücklicher Vater von 7 Töchtern war. Neben der Schule war er Organist und Chordirigent und gab in den Familien reicher Fabrikherren in Wohlen Privatmusikunterricht. Den Weg legte er meist mit Ross und Wagen, oft begleitet von seiner Frau, oder allein zu Pferd zurück.

1863 verlies er Muri, von dem er Zeit seines Lebens eine gute Erinnerung bewahrte und siedelte nach Rapperswil über. Dort erregte er durch seine vorzügliche Leitung der Gesamtchöre am eidg. Sängerfest von 1866 ein solch grosses Aufsehen, dass der Männerchor Zürich ihn als Stellvertreter und späteren Nachfolger von Wilhelm Baumgartner berief. Er übernahm bald dazu den Männerchor Aussersihl und den Studentengesangverein. Etwas später wurde er auch Gesanglehrer an der Höheren Töchterschule und am Lehrerinnenseminar. Mit zwei Konzerten in der Scala in Mailand holten der Männerchor Zürich und sein Meister begeisterten Beifall. Sogar Verdi sprach ihm seine grosse Anerkennung aus. Am 29. April 1889, anlässlich des Stiftungsfestes der Universität, wurde Attenhofer, seinem Freund Hegar, dessen Werke er meistens uraufführte, und dem Maler Arnold Böcklin von der philosophischen Fakultät der Universität Zürich die Würde eines Ehrendoktors der Philosophie verliehen.

1907 begann die Zeit der Leiden, der Trennung, des Abschieds.

Der Verlust seiner Gattin, mit der er 48 Jahre lang in herzlicher Verbundenheit lebte, war der härteste Schlag. Es wurde einsam um ihn. Die den Haushalt weiter führende Tochter Bertha starb kurze Jahre später ebenfalls. Diese Todesfälle und ein heimtückisches Magenleiden zehrten an ihm. Im März 1914 überwachte er noch die Frühjahrsprüfungen des Konservatoriums. Dann fesselten ihn Krankheit und Schwäche ans Bett. Am 22. Mai 1914 starb er an einer Herzschwäche.

Seine Asche wurde in dem vom Stadtrat gestifteten Ehrengrab auf dem Friedhof Enzenbühl beigesetzt.

Nicht nur als Chordirigent hat Attenhofer Hervorragendes geleistet, sondern auch als Komponist hat er - obwohl Autodidakt auf diesem Gebiete - bleibende Werke, vor allem Lieder geschaffen. D. A. Steiner schreibt:
"Als Mensch erwarb sich Attenhofer durch sein natürliches, schlichtes und offenherziges Wesen jeden zum Freund, der mit ihm in Verkehr trat; als ausübender Musiker, als Lehrer, ganz besonders aber als Chordirigent, zeigte er eine Tatkraft, bedingt in einem starken Willen und einer unermüdlichen Schaffenslust, die vorbildlich wirkte und dem Volksgesangswesen in der Schweiz neue Grundlagen schuf. In Attenhofers Kompositionen finden sich diese Eigenschaften vereinigt wieder, sie sind ein getreues Spiegelbild seines Charakters. Natürlichkeit, Schlichtheit und Herzlichkeit sind die besten Seiten seines Liedes, sein Wille aber zeigt sich in seinem ursprünglichen Rhythmus, in der Kraft seines Ausdrucks und in der Art, wie er sich in seinen Kompositionen emporgearbeitet hat."

(Aus "Neujahrsblatt der Allgemeinen Musikgesellschaft in Zürich" von Dr. A. Steiner. 1915. Verlag Hug & Co.)